„Becker."
„Hallo
Paul, hier spricht Rosita. Wir müssen dringend mit dir sprechen. Giovanni
und ich sitzen auf dem Hof fest. Kannst du herkommen?"
„Das
trifft sich gut. Ich bin gerade auf dem Weg zu euch. Zwei Minuten."
Er beendete die Verbindung.
Giovanni
holte ein Halfter mit Strick aus dem Stall. Dann folgte er Rosita die
Auffahrt hinunter. In diesem Moment bog Beckers Mercedes um die
Straßenecke. Er hielt neben Rosita und Giovanni, das Brummen des Motors
verstummte.
Becker
stieg aus und nickte den beiden zu.
„Du
siehst besser aus als vorhin", bemerkte Rosita.
„Ich
habe Nachricht von Francesca. Gehen wir lieber rein. Ich erzähle euch
alles." Er legte seine Hand auf Rositas Rücken und drückte sie
zurück Richtung Haus.
„Nein.
Zuerst suchen wir Vento." Giovanni wedelte mit dem Halfter.
Becker
drehte sich zu ihm um: „Was ist mit dem Pferd?"
„Abgehauen."
Becker
verdrehte die Augen. „Als ob es nichts wichtigeres gäbe als diesen
blöden Gaul. Noch dazu ein Verlierer."
„Du
hast doch keine Ahnung, du Penner", schnauzte Giovanni ihn an.
Drohend hob er die Fäuste und ging einen Schritt auf Becker zu.
„Was
willst du denn vertuschen, hä?" Becker schob die Brust raus und
lachte hämisch.
„Giovanni!
Paul! Schluss jetzt!" Rosita drängelte sich zwischen die beiden
Männer, die sich anstarrten wie zwei Kampfhunde in der Pit. „Wir
können doch auch im Wagen reden", sagte sie zu Becker. In ihrem
Blick lag Flehen.
Becker
nickte erneut. Sie fuhren los. Giovanni saß hinter Becker, die Arme
verschränkt, den Blick nach draußen gerichtet.
Becker
berichtete in kurzen Worten von dem Telefonat mit Francesca.
„Wie
schön. Graziano wird sie frei lassen. Da bin ich sicher", erwiderte
Rosita, während sie auf ihrer Seite ebenfalls die Umgebung nach dem
Hengst absuchte.
„Verlasst
euch nicht drauf. Graziano ist zu allem fähig. Paul, was hast du
Schlimmes gemacht, dass er Francesca entführt hat?"
„Könnt
ihr bitte mit den gegenseitigen Schuldzuweisungen aufhören. So kommen wir
nie weiter. Wir stehen doch auf einer Seite. Sollten es zumindest."
Rosita wandte sich den Männern zu. Ihre dunklen Augen funkelten.
„Schon
gut. Übrigens bekommen wir Hilfe von unerwarteter Seite. Von Herma Prigge",
sagte Becker.
„Wer
ist das denn?"
„Eine
Camperin, die unfreiwillig in die Sache gezogen wurde. Ihr Mann wurde vor
eurem Hof niedergeschlagen."
„Was
denn – diese penetrante Dicke? Den Mann kenne ich auch. Der lag mit mir
im Krankenhaus auf einem Zimmer." Giovanni beugte sich vor, den Kopf
in den Zwischenraum der Vordersitze geschoben. „Wie kann die uns denn
helfen?"
„Sie
versucht Informationen zu sammeln. Ich glaube, wenn wir wirklich
weiterkommen wollen, müssen wir uns alle zusammensetzen und die Karten
auf den Tisch legen. Nur wenn wir ehrlich miteinander sind - ."
„Halt!
Halt!", schrie Giovanni plötzlich. Die drei wurden gegen ihre
Sicherheitsgurte gepresst, als Becker auf die Bremse trat und der Wagen
kam mit quietschenden Reifen zum Stehen kam.
Giovanni
sprang heraus und lief über die Straße in Richtung einer Weide. Vor dem
Zaun graste Don Vento friedlich in Gesellschaft einiger anderer Pferde,
die auf der Koppel standen. Giovanni verlangsamte das Tempo und sprach mit
ruhiger Stimme auf den Hengst ein. Der hob den Kopf, grummelte leise und
ließ sich brav das Halfter überziehen. Ein tiefer Atemzug drang aus
Giovannis Mund. Mit der flachen Hand streichelte er über Ventos Hals.
„Na,
mein Alter. Ich habe einiges gutzumachen an dir." Er führte das
Pferd zurück zum Wagen.
„Fahrt
schon vor. Ich komme nach. Und dann erzähle ich alles, was ich weiß.
Ehrlich", sagte er zu Becker.
Mit
langen Schritten marschierte Giovanni in Richtung Krautsand. Ventos
Hufeisen klapperten auf dem Pflaster.
Es
gab so viele Ungereimtheiten. Sicher hatte Becker Recht. Nur wenn sie ihr
Wissen austauschten, gab es eine Chance auf Aufklärung.
Hinter
ihm hörte er ein sich näherndes Motorengeräusch. Vento spitzte die
Ohren, begann zu tänzeln.
„Ruhig,
Alter. Ist nur ein Auto." Plötzlich ertönte lautes Hupen. Lang
anhaltend. Vento sprang zur Seite und zog Giovanni den Strick durch die
Hand. Der Schmerz nahm ihm den Atem. Er ließ los, Vento preschte davon.
Nein,
nicht schon wieder. Giovanni schrie einen Fluch und drehte sich auf dem
Absatz herum. Er sah noch, wie das Auto auf ihn zuraste. Bevor er einen
Gedanken fassen konnte, rammte ihn der Kühler. Er flog durch die Luft.
Dass er auf dem Boden aufschlug, merkte er nicht mehr. Der Wagen brauste
davon.
..
Folge 59 ..