Ferieninsel Krautsand - 46-

 

 

 

 

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„Das gibt es doch gar nicht!" Christel schnappte nach Atem, als wolle sie mit dem Mund eine der Mücken einfangen, die sie umkreisten. „Hast du das gesehen?"

„Natürlich habe ich das gesehen!" Herma kniff die Augen zusammen, um das Pferd des Italieners genauer zu betrachten.

„Seit wann bleibt so ein Gaul einfach so stehen?"

Giovanni und ein Mann, der mit seinem grauen Kittel und der Schürze nach Tierarzt aussah, führten Don Vento eben von der Rennbahn. Er lief gleichmäßig; an den Beinen hatte er wohl nichts.

„Er hat nicht gescheut", murmelte Herma.

„Wie?"

„Ich meine, er ist nicht vor Schreck plötzlich stehen geblieben."

„Ach so." Christel packte Herma am Arm. „Gehen wir. Muss nicht unser Wettbewerb bald anfangen?"

„Willst du nicht wissen, was da passiert ist?"

Christel zog sie vorwärts. „Pferde haben mich noch nie interessiert." Sie drängelte sich zwischen zwei Frauen mit Kinderwagen hindurch. „Dürfen wir mal?"

Herma achtete nicht darauf, was unmittelbar um sie geschah, sondern versuchte, noch einen Blick auf Don Vento zu werfen. Sie brachten ihn zu den Pferdetransportern. Giovannis Fahrer stand dort und ein Mann mit schütterem Haar und einer ausladenden Vorderfront.

„Komm schon!"

Herma widersprach lieber nicht und begnügte sich damit zu beobachten, wohin der Tierarzt ging, nachdem Don Vento verladen war. Der lief ihr sicherlich nicht weg.

Die Frau am Hut-Stand verwies sie zur Bühne, neben der zuvor die Siegerehrungen der Rennen stattgefunden hatten. „Sie brauchen sich aber nicht zu beeilen. Nach dem Zwischenfall eben dauert es."

„Haben Sie eine Ahnung, was da passiert?"

Die Frau zuckte die Achseln. „Ich interessiere mich nicht für Pferde."

Kopfschüttelnd folgte Herma ihrer Freundin. Für ein Pferderennen waren hier mächtig viele Leute, die sich für ganz andere Dinge zu interessieren schienen. Sie griff sich in ihren Ausschnitt: Das Glitzer-Herz war noch da.

Neben der Bühne stand eine Hand voll behüteter Frauen, beiseite gedrängt von einem Pulk Reportern mit Mikrofonen und Kameras.

„Unsere Konkurrentinnen." Herma lächelte scheinheilig. „Stellen wir uns dazu?"

„Was?" Christel tat eine Bewegung mit ihrem Fuß, als wolle sie zornig aufstampfen. „Zu diesen Schnepfen?"

„Nicht ärgern." Sie legte den Arm um Christels Schulter. „Aber hier sind wir mitten im Weg." Sie schob sie an den Reportern vorbei zu der Bühnetreppe, auf deren oberster Stufe der Mann stand, den sie bei den Transportern gesehen hatte. Er trug das Abzeichen der Rennleitung am Revers. „Dann eben hier." Nachdem sie Christel losgelassen hatte, stellte sie sich auf die unterste Stufe. Das reichte, um alles zu überblicken.

Die Journalisten riefen ihre Fragen wild durcheinander und Herma fragte sich, wie dabei ein sendefähiger Beitrag zustande kommen konnte. Sie verstand nur einzelne Worte von dem Geschrei; aber die Antwort des Dicken würde sie auf ihrem Platz genau hören.

Wie sie es aus dem Fernsehen kannte, wedelte er ein paar Mal mit den Armen, damit Ruhe einkehrte. „Meine Herren", er schielte auf Herma, „meine Dame. Die Rennleitung kann mit Sicherheit ausschließen, dass Don Vento gedopt war. Das Tier war unter denen, die per Auslosung unmittelbar vor dem Rennen getestet worden sind." Er schnaufte und Herma hatte den Eindruck, dass sein Blick geradezu nach weiteren Fragen heischte.

Ein Journalist, der rührend altmodisch mit Stift und Block ausgestattet war, tat ihm den Gefallen. „Herr Petersen, hat der Tierarzt zumindest eine These, was für den plötzlichen Zusammenbruch verantwortlich war?"

Petersen breitete die Arme aus. „Ich hatte noch keine Gelegenheit, mit dem Tierarzt zu sprechen." Was hatte er dann bei Don Vento gemacht? Herma war sicher, dass er log.

„Haben Sie eine Theorie?", rief einer und hielt sein Mikrofon hoch, während er sich näher zum Bühnenrand drängte. „Kann es ein Anschlag gewesen sein?"

„Was fällt Ihnen ein?" Petersen wurde knallrot im Gesicht. Schweißtropfen sickerten aus seinem Haaransatz auf die Stirn.

Der Journalist, nun dicht vor Petersen, sprach leiser, aber Herma verstand ihn bestens. „Immerhin, ein Italiener ... Könnte da nicht die Mafia?"

Petersen nestelte in seiner Jacketttasche, zog dann die Hand leer heraus und wischte sich den Schweiß mit den Fingern ab.

Ein Kameramann drängte sich durch die Menge und hielt die Kamera Petersen direkt vors Gesicht. Das würde ein peinliche Großaufnahme geben. „Für mich sah es aus, als habe das Pferd ein Gift zu sich genommen", rief seine Begleiterin, die das Mikrofon hielt. „Das waren doch Krämpfe, nicht wahr?"

Herma holte Luft und wölbte ihren Busen. Petersen hatte sie direkt angesprochen; da konnte sie sich auch zu Wort melden. „Könnte jemand einen Pfeil auf das arme Tier abgeschossen haben?"

Petersen sah sie entsetzt an. Er schnaufte schwer; besorgt fragte sich Herma, ob er herzkrank war. „Wagen Sie nicht, solche Spekulationen in die Zeitung zu setzen. Ich verklage Sie wegen Rufschädigung."

Sie schüttelte beide Hände. „Machen Sie sich deswegen keine Sorgen."

„Herma, was fällt dir ein?", zischte Christel neben ihr.

Herma stellte einen Fuß auf die zweite Stufe. „Herr Petersen, hat die Polizei Ermittlungen aufgenommen?" Sie wandte sich an den Kameramann. „Sie haben sicher alles in Ihrem Kasten." Krampfhaft überlegte sie, wer für sie die Sendungen vom Rennen aufzeichnen könnte. Elli. Überhaupt Elli! Hatte Elli nicht bei irgendeinem Tanz-Ding in Italien eine Staatsanwältin oder Richterin kennen gelernt?

 

.. Folge 47 ..

© Annemarie Nikolaus

 
 

 Copyright © 2005
  Stand: 23.08.2007