„Das
gibt es doch gar nicht!" Christel schnappte nach Atem, als wolle sie
mit dem Mund eine der Mücken einfangen, die sie umkreisten. „Hast du
das gesehen?"
„Natürlich
habe ich das gesehen!" Herma kniff die Augen zusammen, um das Pferd
des Italieners genauer zu betrachten.
„Seit
wann bleibt so ein Gaul einfach so stehen?"
Giovanni
und ein Mann, der mit seinem grauen Kittel und der Schürze nach Tierarzt
aussah, führten Don Vento eben von der Rennbahn. Er lief gleichmäßig;
an den Beinen hatte er wohl nichts.
„Er
hat nicht gescheut", murmelte Herma.
„Wie?"
„Ich
meine, er ist nicht vor Schreck plötzlich stehen geblieben."
„Ach
so." Christel packte Herma am Arm. „Gehen wir. Muss nicht unser
Wettbewerb bald anfangen?"
„Willst
du nicht wissen, was da passiert ist?"
Christel
zog sie vorwärts. „Pferde haben mich noch nie interessiert." Sie
drängelte sich zwischen zwei Frauen mit Kinderwagen hindurch. „Dürfen
wir mal?"
Herma
achtete nicht darauf, was unmittelbar um sie geschah, sondern versuchte,
noch einen Blick auf Don Vento zu werfen. Sie brachten ihn zu den
Pferdetransportern. Giovannis Fahrer stand dort und ein Mann mit
schütterem Haar und einer ausladenden Vorderfront.
„Komm
schon!"
Herma
widersprach lieber nicht und begnügte sich damit zu beobachten, wohin der
Tierarzt ging, nachdem Don Vento verladen war. Der lief ihr sicherlich
nicht weg.
Die
Frau am Hut-Stand verwies sie zur Bühne, neben der zuvor die
Siegerehrungen der Rennen stattgefunden hatten. „Sie brauchen sich aber
nicht zu beeilen. Nach dem Zwischenfall eben dauert es."
„Haben
Sie eine Ahnung, was da passiert?"
Die
Frau zuckte die Achseln. „Ich interessiere mich nicht für Pferde."
Kopfschüttelnd
folgte Herma ihrer Freundin. Für ein Pferderennen waren hier mächtig
viele Leute, die sich für ganz andere Dinge zu interessieren schienen.
Sie griff sich in ihren Ausschnitt: Das Glitzer-Herz war noch da.
Neben
der Bühne stand eine Hand voll behüteter Frauen, beiseite gedrängt von
einem Pulk Reportern mit Mikrofonen und Kameras.
„Unsere
Konkurrentinnen." Herma lächelte scheinheilig. „Stellen wir uns
dazu?"
„Was?"
Christel tat eine Bewegung mit ihrem Fuß, als wolle sie zornig
aufstampfen. „Zu diesen Schnepfen?"
„Nicht
ärgern." Sie legte den Arm um Christels Schulter. „Aber hier sind
wir mitten im Weg." Sie schob sie an den Reportern vorbei zu der
Bühnetreppe, auf deren oberster Stufe der Mann stand, den sie bei den
Transportern gesehen hatte. Er trug das Abzeichen der Rennleitung am
Revers. „Dann eben
hier." Nachdem sie Christel losgelassen hatte, stellte sie sich auf
die unterste Stufe. Das reichte, um alles zu überblicken.
Die
Journalisten riefen ihre Fragen wild durcheinander und Herma fragte sich,
wie dabei ein sendefähiger Beitrag zustande kommen konnte. Sie verstand
nur einzelne Worte von dem Geschrei; aber die Antwort des Dicken würde
sie auf ihrem Platz genau hören.
Wie
sie es aus dem Fernsehen kannte, wedelte er ein paar Mal mit den Armen,
damit Ruhe einkehrte. „Meine Herren", er schielte auf Herma, „meine
Dame. Die Rennleitung kann mit Sicherheit ausschließen, dass Don Vento
gedopt war. Das Tier war unter denen, die per Auslosung unmittelbar vor
dem Rennen getestet worden sind." Er schnaufte und Herma hatte den
Eindruck, dass sein Blick geradezu nach weiteren Fragen heischte.
Ein
Journalist, der rührend altmodisch mit Stift und Block ausgestattet war,
tat ihm den Gefallen. „Herr Petersen, hat der Tierarzt zumindest eine
These, was für den plötzlichen Zusammenbruch verantwortlich war?"
Petersen
breitete die Arme aus. „Ich hatte noch keine Gelegenheit, mit dem
Tierarzt zu sprechen." Was hatte er dann bei Don Vento gemacht? Herma
war sicher, dass er log.
„Haben
Sie eine Theorie?", rief einer und hielt sein Mikrofon hoch, während
er sich näher zum Bühnenrand drängte. „Kann es ein Anschlag gewesen
sein?"
„Was
fällt Ihnen ein?" Petersen wurde knallrot im Gesicht.
Schweißtropfen sickerten aus seinem Haaransatz auf die Stirn.
Der
Journalist, nun dicht vor Petersen, sprach leiser, aber Herma verstand ihn
bestens. „Immerhin, ein Italiener ... Könnte da nicht die Mafia?"
Petersen
nestelte in seiner Jacketttasche, zog dann die Hand leer heraus und
wischte sich den Schweiß mit den Fingern ab.
Ein
Kameramann drängte sich durch die Menge und hielt die Kamera Petersen
direkt vors Gesicht. Das würde ein peinliche Großaufnahme geben. „Für
mich sah es aus, als habe das Pferd ein Gift zu sich genommen", rief
seine Begleiterin, die das Mikrofon hielt. „Das waren doch Krämpfe,
nicht wahr?"
Herma
holte Luft und wölbte ihren Busen. Petersen hatte sie direkt
angesprochen; da konnte sie sich auch zu Wort melden. „Könnte jemand
einen Pfeil auf das arme Tier abgeschossen haben?"
Petersen
sah sie entsetzt an. Er schnaufte schwer; besorgt fragte sich Herma, ob er
herzkrank war. „Wagen Sie nicht, solche Spekulationen in die Zeitung zu
setzen. Ich verklage Sie wegen Rufschädigung."
Sie
schüttelte beide Hände. „Machen Sie sich deswegen keine Sorgen."
„Herma,
was fällt dir ein?", zischte Christel neben ihr.
Herma
stellte einen Fuß auf die zweite Stufe. „Herr Petersen, hat die Polizei
Ermittlungen aufgenommen?" Sie wandte sich an den Kameramann. „Sie
haben sicher alles in Ihrem Kasten." Krampfhaft überlegte sie, wer
für sie die Sendungen vom Rennen aufzeichnen könnte. Elli. Überhaupt
Elli! Hatte Elli nicht bei irgendeinem Tanz-Ding in Italien eine
Staatsanwältin oder Richterin kennen gelernt?
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Folge 47 ..