„Hey,
Vento, vorwärts!" Giovanni schnalzte. Aber der Hengst ließ den Kopf
hängen. Seine Hufe zogen Spuren im Sand.
Normalerweise
tänzelte Vento zum Startplatz. Er blähte die Nüstern und ließ seine
Ohren spielen, sobald er den Trubel eines Rennens wahrnahm. Er gehörte zu
den Pferden, die die Show liebten. Die von Musik und dem Beifall der
Zuschauer angespornt wurden. Jetzt schlurfte er herum als trüge er
Fußfesseln.
Verdammt,
ausgerechnet jetzt, dachte Giovanni. Ob Alfredo vergessen hatte, ihm
Nachschub zu geben?
Trotzdem
müsste er lebhafter sein. Ohne das Mittel fehlte ihm nur das letzte
Quäntchen Kraft und der Ehrgeiz, um auf den letzten Metern nicht
nachzulassen, ja sogar im entscheidenden Moment an Tempo zuzulegen. Nur
Ausnahmepferde, echte Kämpfertypen, schafften das. Genau so sollte Don
Vento werden.
Giovanni
lenkte das Pferd zum Startplatz. Mehrere Gespanne standen bereits dort.
Die nervös herumtrampelnden Vollblüter wurden von Helfern am Kopfstück
gehalten.
Alfredo
kam auf ihn zu, nahm Vento an einer der Leinen.
„Was
ist denn mit dem los?"
„Keine
Ahnung. Hast du ihm nichts gegeben?"
Alfredo
sah ihn an, als hätte er soeben das letzte bisschen Verstand verloren,
das er ihm bis dahin noch zugestanden hatte.
„Blöde
Frage. Natürlich hast du. Vielleicht doch eine Nachwirkung von dem
Unfall?"
„Ich
bitte die Teilnehmer, sich in einer Reihe aufzustellen", tönte eine
knarzende Stimme aus den Lautsprechern.
Die
Helfer zerrten an den Stricken. Einer stemmte die Hacken in den weichen
Boden, um sein Pferd zu bremsen. Der Sand knirschte unter den Hufen der
stampfenden Traber.
Don
Vento schnaubte und begann zu tänzeln als er in die Reihe geführt wurde.
„Na,
also. Warst wohl nur ein bisschen müde, was?" Alfredo klopfte ihm
den Hals. „Mach uns keine Schande." Alfredo entfernte sich. Bevor
er den Rennbereich verließ, drehte er sich zu Giovanni um und stellte
beide Daumen aufrecht.
Giovanni
las „Viel Erfolg!" von seinen Lippen.
Er
schaute nach vorne. Die Bahn war ovalförmig angelegt. Rechts von ihm lag
die Elbe, auf der gegenüberliegenden Seite begrenzten Menschenmassen die
improvisierte Rennbahn.
Giovanni
biss sich auf die Unterlippe. Wartete auf das Startzeichen.
Der
Startwagen blieb dicht vor den Pferden stehen. Dann gab der Ansager das
Rennen frei. Die Zuschauer klatschten, als der Wagen langsam anfuhr,
gefolgt von den Pferden. Dann beschleunigte er, die Pferde fielen in Trab.
Als alle auf einer Höhe liefen, schoss der Wagen vor und fuhr vom Strand
herunter. Das Rennen begann.
Sand
spritzte unter den Hufen auf, Mähnen flatterten im Wind – die Beine der
Pferde schienen den Boden kaum zu berühren. Giovanni grinste. Er war gut
weg gekommen und lag an dritter Position. Wie er diese Geschwindigkeit
liebte. Don Vento fegte um die Biegung. Sie rückten auf.
„Los,
Vento. Du schaffst es!" Giovanni nahm die Zügel ein wenig kürzer.
Meter um Meter schoben sie sich an dem Vordermann vorbei. Nur noch ein
Gespann lief vor ihnen.
Schaumfetzen
aus Ventos Maul flogen an ihm vorbei.
Zuschauer
johlten und schwangen bunte Fähnchen. Giovannis Gespann und das seines
Gegners fuhren gleich auf.
„Lauf,
lauf!" Giovanni schrie. Die Zielgerade lag vor ihm. Don Vento
verstärkte das Tempo, ließ den anderen hinter sich zurück. Nur noch
wenige Meter.
Plötzlich
wurde der Hengst langsamer, so als ob jemand die Luft aus einem Reifen
entweichen lässt.
Giovanni
ruckte an den Leinen. Don Vento fiel in einen zackeligen Trab. Die
übrigen Teilnehmer schossen an ihm vorbei.
Alles
aus, dachte Giovanni. Don Vento blieb stehen, ließ den Kopf hängen.
Seine Flanken zitterten.
Giovanni
stieg vom Sulky. Höchstens fünfzig Meter entfernt bejubelten die
Zuschauer den Sieger.
„Verdammt!",
quetschte er zwischen den Zähnen hindurch. Sein Blick fiel in die Menge.
Neugierige und besorgte Blicke trafen ihn. Da entdeckte er Ruths Gesicht.
Er hob die Hand, um ihr zuzuwinken. Doch sie drehte sich um und tauchte in
der Menge unter.
Giovanni
wand sich seinem Pferd zu. Der Hengst zitterte mehr als sonst üblich.
Kalter Schweiß überzog seinen Körper, weißer Schaum bedeckte Hals und
Brust.
Im
Laufschritt eilten Alfredo und der Tierarzt auf ihn zu.
„Mach
keinen Scheiß, Vento", flüsterte Giovanni.
..
Folge 46 ..