Ferieninsel Krautsand - 45-

 

 

 

 

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„Hey, Vento, vorwärts!" Giovanni schnalzte. Aber der Hengst ließ den Kopf hängen. Seine Hufe zogen Spuren im Sand.

Normalerweise tänzelte Vento zum Startplatz. Er blähte die Nüstern und ließ seine Ohren spielen, sobald er den Trubel eines Rennens wahrnahm. Er gehörte zu den Pferden, die die Show liebten. Die von Musik und dem Beifall der Zuschauer angespornt wurden. Jetzt schlurfte er herum als trüge er Fußfesseln.

Verdammt, ausgerechnet jetzt, dachte Giovanni. Ob Alfredo vergessen hatte, ihm Nachschub zu geben?

Trotzdem müsste er lebhafter sein. Ohne das Mittel fehlte ihm nur das letzte Quäntchen Kraft und der Ehrgeiz, um auf den letzten Metern nicht nachzulassen, ja sogar im entscheidenden Moment an Tempo zuzulegen. Nur Ausnahmepferde, echte Kämpfertypen, schafften das. Genau so sollte Don Vento werden.

Giovanni lenkte das Pferd zum Startplatz. Mehrere Gespanne standen bereits dort. Die nervös herumtrampelnden Vollblüter wurden von Helfern am Kopfstück gehalten.

Alfredo kam auf ihn zu, nahm Vento an einer der Leinen.

„Was ist denn mit dem los?"

„Keine Ahnung. Hast du ihm nichts gegeben?"

Alfredo sah ihn an, als hätte er soeben das letzte bisschen Verstand verloren, das er ihm bis dahin noch zugestanden hatte.

„Blöde Frage. Natürlich hast du. Vielleicht doch eine Nachwirkung von dem Unfall?"

„Ich bitte die Teilnehmer, sich in einer Reihe aufzustellen", tönte eine knarzende Stimme aus den Lautsprechern.

Die Helfer zerrten an den Stricken. Einer stemmte die Hacken in den weichen Boden, um sein Pferd zu bremsen. Der Sand knirschte unter den Hufen der stampfenden Traber.

Don Vento schnaubte und begann zu tänzeln als er in die Reihe geführt wurde.

„Na, also. Warst wohl nur ein bisschen müde, was?" Alfredo klopfte ihm den Hals. „Mach uns keine Schande." Alfredo entfernte sich. Bevor er den Rennbereich verließ, drehte er sich zu Giovanni um und stellte beide Daumen aufrecht.

Giovanni las „Viel Erfolg!" von seinen Lippen.

Er schaute nach vorne. Die Bahn war ovalförmig angelegt. Rechts von ihm lag die Elbe, auf der gegenüberliegenden Seite begrenzten Menschenmassen die improvisierte Rennbahn.

Giovanni biss sich auf die Unterlippe. Wartete auf das Startzeichen.

Der Startwagen blieb dicht vor den Pferden stehen. Dann gab der Ansager das Rennen frei. Die Zuschauer klatschten, als der Wagen langsam anfuhr, gefolgt von den Pferden. Dann beschleunigte er, die Pferde fielen in Trab. Als alle auf einer Höhe liefen, schoss der Wagen vor und fuhr vom Strand herunter. Das Rennen begann.

Sand spritzte unter den Hufen auf, Mähnen flatterten im Wind – die Beine der Pferde schienen den Boden kaum zu berühren. Giovanni grinste. Er war gut weg gekommen und lag an dritter Position. Wie er diese Geschwindigkeit liebte. Don Vento fegte um die Biegung. Sie rückten auf.

„Los, Vento. Du schaffst es!" Giovanni nahm die Zügel ein wenig kürzer. Meter um Meter schoben sie sich an dem Vordermann vorbei. Nur noch ein Gespann lief vor ihnen.

Schaumfetzen aus Ventos Maul flogen an ihm vorbei.

Zuschauer johlten und schwangen bunte Fähnchen. Giovannis Gespann und das seines Gegners fuhren gleich auf.

„Lauf, lauf!" Giovanni schrie. Die Zielgerade lag vor ihm. Don Vento verstärkte das Tempo, ließ den anderen hinter sich zurück. Nur noch wenige Meter.

Plötzlich wurde der Hengst langsamer, so als ob jemand die Luft aus einem Reifen entweichen lässt.

Giovanni ruckte an den Leinen. Don Vento fiel in einen zackeligen Trab. Die übrigen Teilnehmer schossen an ihm vorbei.

Alles aus, dachte Giovanni. Don Vento blieb stehen, ließ den Kopf hängen. Seine Flanken zitterten.

Giovanni stieg vom Sulky. Höchstens fünfzig Meter entfernt bejubelten die Zuschauer den Sieger.

„Verdammt!", quetschte er zwischen den Zähnen hindurch. Sein Blick fiel in die Menge. Neugierige und besorgte Blicke trafen ihn. Da entdeckte er Ruths Gesicht. Er hob die Hand, um ihr zuzuwinken. Doch sie drehte sich um und tauchte in der Menge unter.

Giovanni wand sich seinem Pferd zu. Der Hengst zitterte mehr als sonst üblich. Kalter Schweiß überzog seinen Körper, weißer Schaum bedeckte Hals und Brust.

Im Laufschritt eilten Alfredo und der Tierarzt auf ihn zu.

„Mach keinen Scheiß, Vento", flüsterte Giovanni.

 

.. Folge 46 ..

© Marion Pletzer

 
 

 Copyright © 2005
  Stand: 23.08.2007