Das
Klicken im Schlüsselloch versetzte Francesca einen Stich in den Bauch.
Sie saß wie jeden Tag auf dem zwei Meter breiten Polsterbett und las, was
sie im Regal daneben finden konnte. Einige Bücher kannte sie noch von
früher, aus der Zeit als sie noch ein Teenager war.
Gebannt
betrachtete sie die sich öffnende Zimmertür. Was würde er jetzt von ihr
verlangen? Sie atmete tief ein. Egal was, sie würde sich widersetzen.
Im
Türrahmen stand Bruno, Grazianos stummer Leibwächter. Francesca hatte
nie in Erfahrung bringen können, wie dieses Koloss, der sie an das
Aussehen einer Bulldogge erinnerte, seine Sprache verloren hatte. Bruno
lebte schon vor ihrer Zeit bei Graziano in der Villa.
Mit
einer Kopfbewegung gab er ihr zu verstehen, dass sie ihm folgen sollte.
„Sag
Graziano, dass ich keine Lust habe, ihn zu sprechen."
Brunos
Muskelpakete spannten sich unter seinen Hemdsärmeln. Er marschierte
direkt auf Francesca zu, packte sie am Arm und nickte nochmals Richtung
Zimmertür.
„Lass
los, das tut weh, verdammt." Sie rieb sich den Oberarm und stand auf.
Bruno
nahm ihr Handgelenk und schleppte sie wie ein trotziges kleines Kind
hinter sich her.
Die
Tür zu Grazianos Bibliothekzimmer stand offen. Im Tageslicht zog sich ein
blauer Dunst durch den Raum. Der Lederstuhl vor dem schlicht gehaltenen
Schreibtisch war zum Fenster gedreht. Rauchschwaden ringelten sich empor.
Francescas
Puls schnellte in die Höhe.
„Da
bist du ja, meine Süße." Graziano drehte sich zu ihr und grinste
breit. „Bruno schenk mir noch einen Brandy ein und verschwinde
dann."
Bruno
ließ Francesca los und wandte sich rechts zu einer im Halbrund angelegten
Bar, reichte ihm ein frisch eingeschenktes Glas und zog dann die Tür
hinter sich zu. Graziano beobachtete Bruno ganze Zeit und zog dabei
genussvoll an seiner Zigarre.
„Setz
dich, Süße", sagte er schließlich und deutete mit seiner
Zigarrenhand auf den ihm gegenüber stehenden Sessel aus tiefschwarzen
Leder.
„Ich
stehe lieber, Graziano."
Sie
bemerkte sofort das leichte Zucken unter dem linken Augenlid. Kein gutes
Zeichen.
„Bene."
Die lang gezogene Betonung des Wortes verriet ihr seine Ungeduld. Er stand
auf, ging zum Fenster und schaute in die kleine Parkanlage. Die Sonne
brannte herunter, schon seit Wochen.
„Ein
wunderschöner Tag, nicht wahr." Erneut sog er den Rauch ein, hielt
inne und stieß ihn wieder hustend hervor.
„Was
willst du?" Francesca versuchte ruhig zu atmen.
„An
wen liegt dir eigentlich mehr? An Paul oder an Giovanni?"
Unwillkürlich
dachte sie an den Moment als er ihr den Telefonhörer aus der Hand
gerissen und eine Ohrfeige versetzt hatte.
„Ich
will das Herz!" Er drückte seine Zigarre in dem Marmoraschenbecher
auf dem Schreibtisch aus, der bereits vor lauter Stumpen überquoll. Seine
Augen funkelten sie an. Langsam schritt er auf sie zu. „Das Herz,
Francesca."
„Wenn
meine Mutter geahnt hätte …"
„Was?"
„…nie
hätte sie dich geheiratet."
Er
stand vor ihr, in gleicher Höhe, das Augenlid zuckte. „Sie wäre nicht
so dumm gewesen."
„Ich
sage es nicht", stieß Francesca verächtlich hervor, „und wenn du
mich dafür tötest, Graziano. Du hast meine Mutter und meine Schwester
auf dem Gewissen. Ich werde verhindern, dass du noch mehr Schaden
anrichtest."
„Zszszs."
Er schüttelte den Kopf. „Paul konnte es nicht verhindern, Süße. Er
ist auf dem Weg zum Start. Noch ein paar Minuten und du siehst ihn nie
mehr wieder, deinen ehrgeizigen Giovanni." Er lächelte. „Ein Wort
von dir Francesca und ich stoppe ihn."
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Folge 45 ..