Als
Herma Christel an die Schulter tippte, stand sie bereits als Vorletzte in
der Warteschlange.
„Ich
nehme die Sachertorte und du?" Christel deutete auf die dunkle Torte,
die nur noch zur Hälfte vorhanden war.
„Hinten
anstellen", meckerte eine ältere Frau von der Seite.
„Ich
will nichts", entschuldigte sich Herma.
„Was,
du willst nichts?", fragte Christel zurück. Ihre Augen, die gerade
noch wie der Schokoladenguss geglänzt hatten, blickten enttäuscht. „Vielleicht
den Käsekuchen", versuchte sie es," der schaut auch sehr gut
aus."
„Bist
du sehr böse, wenn ich dich alleine essen lasse?"
"Ja", kam es prompt zurück. „Deine Detektivspielchen gehen
mir wirklich auf die Nerven."
„Christel
…"
„Ich
kaufe für dich die Sacher, dann gehen wir zurück zum Tisch und essen sie
genüsslich auf."
Herma
sah im Moment keine Möglichkeit, sich dem zu entziehen ohne Christels
Freundschaft zu riskieren. Schließlich stand sie mit ihr an dem Stehtisch
und schob sich ein riesiges Stück nach dem anderen in den Mund. Über die
Lautsprecher wurden der Sieger des zweiten Rennens gemeldet. Christel
interessierte sich nicht dafür. Sie erzählte von Kurt und seinen
Angelerfolgen während Herma sich ertappte, dass sie nach der Unbekanten
Ausschau hielt.
Herma
bekam das Gefühl nicht los, dass diese Frau die Badetasche erkannt hatte.
Woran aber, schließlich trugen sie viele Touristen.
„So
groß!" Christel breitete ihre Hände aus und zeigte eine Spannbreite
von einem halben Meter. „Kurt war mächtig stolz."
Herma
nickte.
Die
Badetasche war einfach genäht, hatte keinen Aufdruck, der auf eine
besondere Marke schließen ließ. Durch das abwaschbare Material hatte
Herma sie wunderbar reinigen können. Und das kleine Herz am Zieper konnte
man an jeder Straßenecke kaufen.
„Hörst
du mir eigentlich zu, weil du deine Tasche so anstarrst?"
„Sicher!",
erwiderte Herma und merkte sofort, dass das wenig überzeugend rüber kam.
„So
toll ist die nun auch wieder nicht und völlig out, wenn ich das mal
bemerken darf. Diesen runden Schnitt gab es vor Jahren, jetzt sind die
kantig geschnitten, viel moderner."
„Genau!"
Herma strahlte und Christel schaute sie an als hätte sie zuviel
getrunken. „Schön das dich das so erfreut."
„Christel,
ich verschwinde mal kurz."
„Ich
dachte, wir essen unseren Kuchen."
„Tun
wir auch, ich muss nur mal." Herma packte ihre Tasche und verschwand
in die Richtung, in die der WC-Pfeil deutete.
Sie
musste Herma die ganze Zeit beobachtet haben, denn kaum war Christel
außer Sichtweite, stand die Unbekannte neben ihr. Herma fiel sofort auf,
dass sie die Kette nicht mehr am Hals trug.
„Wo
haben Sie meine Tasche gefunden?", begann sie ohne Umschweife.
„Ihre
Tasche?" Herma umspannte fest die Henkel.
„Stellen
Sie sich nicht so dumm. Die, die sie bei sich tragen. Das ist meine, ich
habe sie vermisst und ich möchte sie sofort wieder haben."
„Wer
sind Sie eigentlich?" Herma dachte nicht daran, sie ihr
auszuhändigen. Irgendetwas führte diese Frau im Schilde.
„Das
spielt keine Rolle, gute Frau.", presste sie zwischen ihren
roséfarbenen Lippen hervor. „Diese Tasche ist eindeutig meine."
„Tut
mir leid, das könnte wohl jeder behaupten."
„Ich
rufe die Polizei und dann werden wir sehen …" Wenn ihre Augen
hätten Feuer spucken können, sie hätten Herma mit samt der Tasche
versenkt.
„Tun
Sie das." Du holst nicht die Polizei, da war sich Herma sicher.
„Gut",
lenkte sie nun ein, „ich bin Maria Larsen."
Und
ich die Queen von England.
„Herma
Prigge", stellte sie sich vor und sofort beschlich sie das ungute
Gefühl, soeben einen Fehler gemacht zu haben.
Die
Frau schaute kurz um sich. „Die Tasche ist mir an sich gar nicht so
wichtig."
Aha, wusste sie es doch. Hermas Puls schoss in die Höhe.
„Es
ist das Schmuckstück, ein Herz. Ich habe es von meinen Mann geschenkt
bekommen."
Von
Giovanni meinst du wohl eher. Herma wartete ab, was noch kommen würde.
„Bitte,
geben Sie es mir zurück!"
„Entschuldigen
Sie, Frau Larsen. In der Tasche ist kein Schmuckstück. Sie müssen sich
irren. Ich muss jetzt auch dringend." Herma lächelte unschuldig,
ließ die Frau stehen und stiefelte in die Toilette, die gerade
freigeworden war.
Hinter
der Tür riss sie die Tasche auf und holte das Herz heraus. Was war nur so
besonders an dem Stück. Sie drehte und wendete es.
Einfaches
Silber und die Steine, sicher nicht echt. Aber etwas war da.
Herma
suchte in der Tasche nach ihrer Lesebrille, setzte sie auf und betrachtete
das Schmuck erneut. Sie fuhr mit ihrem Finger am Rand entlang und spürte
an der linken Seite eine Erhebung. Schnell überprüfte sie die andere
Seite, sah die winzige Einkerbung und stieß ihren Fingernagel hinein. Das
Amulett ließ sich problemlos öffnen. Ein Stück Papier fiel zu Boden.
Herma bückte sich. Das war es also, was sie haben wollte. Das sollte wohl
nicht jeder sehen.
..
Folge 37 ..