Ferieninsel Krautsand - 34 -

 

 

 

 

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„Verzeih Rosita, wenn ich dich allein lasse, aber ich muss sie suchen."

„Kein Problem, ich gehe ins Festzelt, Käsekuchen essen." Sie schloss kurz die Augen und schluckte im Geist ein süßes Stück hinunter.

„Abträglich für die Figur", seufzte sie und drehte sich in die Richtung, aus der es nach Kaffee duftete.

„Ich komme dann auch!", rief Becker ihr nach und marschierte zum Richterturm. Die Rennleitung bereitete gerade das erste Rennen vor. Zur Landseite standen dichte Menschentrauben an der Absperrung entlang der Rennbahn. Kinder in einem Mini-Sulky und vorgespannten Ponys trabten sich ein. Mütter schrieen ihnen etwas entgegen, doch die Kleinen blickten mit hochkonzentrierten Mienen auf ihre Tiere und den Sand.

Becker gelang es, sich an ein paar Zuschauern vorbeizumogeln, hörte hinter sich Schimpfworte, kümmerte sich jedoch nicht darum. Seine Augen wanderten an den Menschengruppen entlang, konnte sie jedoch nicht entdecken.

„Entschuldigung", murmelte er und schob sich an verkniffenen Mienen vorbei, um es ein Stück weiter vorne noch einmal zu versuchen. Enttäuscht stellte er fest, dass es ein schier unmögliches Unterfangen war.

Bestimmt hatte er sich geirrt. Wenn Francesca hier wäre, dann hätte sie sich bei ihm gemeldet. Gestern hatte sie ihn auch angerufen und solche Kostüme … Plötzlich hielt er den Atem an. Die Frau, sie lehnte keine vierzig Meter entfernt an einem Wettstand.

„Francesca!", schrie er und fuchtelte mit beiden Händen über seinen Kopf. Sie wandte sich ab und stöckelte an einer Gruppe junger Männer vorbei zur Budenmeile.

Er stolperte ihr nach, doch eine kräftige Dame mit einer blauen topfähnlichen Kopfbedeckung und einem Netz vor dem Gesicht stellte sich ihm in den Weg.

„Welch ein Zufall, Sie hier Herr Becker?"

„Tut mir leid." Die füllige Frau kam ihm bekannt vor." Ich habe keine Zeit, ich …!" Er schaute über die Frau hinweg, um Francesca nicht aus den Augen zu verlieren.

„Suchen Sie jemanden?"

„Meine Frau, aber entschuldigen Sie nun." Er machte einen Schritt zu Seite, doch sie hielt ihn mit erstaunlicher Kraft am Ärmel fest. "Francesca ist hier?"

„Sie kennen meine Frau?" Er blickte in ihr Gesicht. „Ach Sie sind das."

„Herma Prigge. Es freut mich, dass Sie ihre Frau wieder gefunden haben."

„Und wieder verloren, verdammt." Er konnte den rosafarbenen Hut nicht mehr sehen.

„Gute Frau, ich muss weiter." Er ließ sie ohne einen weiteren Gruß stehen und rannte Richtung Ausgang.

Herma schaute ihm nach. „Wieder verloren", was hatte er denn damit gemeint?

„Wer war das denn?" Christel zupfte an Hermas Tasche, um die Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken.

„Der Mann von der Frau, die verschwunden ist."
Christels Augen weiteten sich.

„Die mit dem Kopftuch" erläuterte Herma weiter. „Schade eigentlich, dass Francesca wieder da ist." Herma schaute zu der vornehmen Dame hinüber, die ihren Blick über die vielen Zuschauer schweifen ließ. Ihr Begleiter drängte sich gerade an einer Personengruppe vorbei und stellte zwei Sektkelche auf dem Stehtisch ab. Die Dame sagte etwas zu ihm, worauf er mit viel Gestik antwortete.

Wer das ist, interessiert mich trotzdem noch, dachte Herma bei sich.

„Christel, wolltest du vorhin nicht einen Kuchen?"

„Ein Torte wäre mir lieber."
Herma hakte sich bei Christel ein und stiefelte direkt zu einem Stehtisch neben dem unbekannten Paar. Eine junge Familie mit Kinderwagen hatte sich bereits breit gemacht. Die Mutter, Herma schätzte sie auf Anfang zwanzig, nickte nur als Herma fragte, ob sie sich dazu gesellen durften. Sie beugte sich in den Kinderwagen und schob schnell den Schnuller in den Mund des ungeduldigen Babys.

„Können wir nicht ins Zelt gehen, Herma? Ein bisschen Hinsetzen, meine Füße brennen wie Feuer."

„Nachher. Such dir am Stand was Leckeres aus und bringe mir einen Kaffee mit."

„Ich kann nicht alles tragen", maulte Christel.

„Dann verzichte ich auf den Kaffee. Geh schon."

Während Christel sich mit säuerlicher Miene in der Warteschlange anstellte drehte sich Herma so, dass sie das Gespräch ihrer Tischnachbarn mitverfolgen konnte. Aus den Augenwinkeln heraus sah sie, wie die Frau an dem Herzanhänger herumspielte.

„Warum musste es unbedingt dieser Modeschmuck sein?", fragte prompt der Mann.

„Giovanni hat mir so ein ähnliches Stück geschenkt und …"

„Entschuldigung, der Schnuller!" Die Mutter deutete mit leicht geröteten Wangen zu Hermas Füßen. Herma trat zur Seite, die Frau hob ihn auf, pustete, steckte ihn kurz sich selbst und dann dem Baby in den Mund.

Ekelhaft, dachte Herma und schaute wieder an den Nebentisch.

Die Unbekannte trank ihr Glas leer, öffnete ihre Handtasche und überprüfte an Hand eines Spiegels den Sitz der Frisur unter der schmalen Hutkrempe. Eine helle Strähne stopfte sie mit spitzen Fingern unter ihr dunkles Deckhaar.

Komisch. Herma musterte die Frau genauer. Wirklich gut gemacht.

„Trink aus, Vincenzo, ich muss wissen, ob alles geklappt hat." Sie spitzte ihre rosé bemalten Lippen und steckte dann zufrieden den Spiegel zurück in ihre Tasche.

„Auf Claudia ist Verlass."

„Hoffentlich hast du ihr nicht zuviel erzählt."

„Nur das, was sie wissen musste. Claudia ist dumm, aber so dumm auch wieder nicht. Die hält ihren Mund. Schließlich braucht sie die Kohle."

„Gut, dann wird Becker in die Falle tappen. Graziano ist ungeduldig in solchen Dingen."

„Becker wird sich kein zweites Mal überlegen, ob er den Vertrag mit Graziano einhält."

Die Frau lächelte und schaute zu Herma hinüber. Ihr Blick gefror im gleichen Augenblick. Instinktiv zog Herma die Badetasche zu sich heran und wandte sich zum Kinderwagen.

„So süß die Kleine", säuselte sie in Richtung der Mutter.

„Es ist ein Junge!"

„Ach!" Herma spitzte zur Seite. Die beiden waren verschwunden.

 

.. Folge 35 ..

© Sonja B-Hoffmann

 
 

 Copyright © 2005
  Stand: 13.08.2007