„Verzeih
Rosita, wenn ich dich allein lasse, aber ich muss sie suchen."
„Kein
Problem, ich gehe ins Festzelt, Käsekuchen essen." Sie schloss kurz
die Augen und schluckte im Geist ein süßes Stück hinunter.
„Abträglich
für die Figur", seufzte sie und drehte sich in die Richtung, aus der
es nach Kaffee duftete.
„Ich
komme dann auch!", rief Becker ihr nach und marschierte zum
Richterturm. Die Rennleitung bereitete gerade das erste Rennen vor. Zur
Landseite standen dichte Menschentrauben an der Absperrung entlang der
Rennbahn. Kinder in einem Mini-Sulky und vorgespannten Ponys trabten sich
ein. Mütter schrieen ihnen etwas entgegen, doch die Kleinen blickten mit
hochkonzentrierten Mienen auf ihre Tiere und den Sand.
Becker
gelang es, sich an ein paar Zuschauern vorbeizumogeln, hörte hinter sich
Schimpfworte, kümmerte sich jedoch nicht darum. Seine Augen wanderten an
den Menschengruppen entlang, konnte sie jedoch nicht entdecken.
„Entschuldigung",
murmelte er und schob sich an verkniffenen Mienen vorbei, um es ein Stück
weiter vorne noch einmal zu versuchen. Enttäuscht stellte er fest, dass
es ein schier unmögliches Unterfangen war.
Bestimmt
hatte er sich geirrt. Wenn Francesca hier wäre, dann hätte sie sich bei
ihm gemeldet. Gestern hatte sie ihn auch angerufen und solche Kostüme …
Plötzlich hielt er den Atem an. Die Frau, sie lehnte keine vierzig Meter
entfernt an einem Wettstand.
„Francesca!",
schrie er und fuchtelte mit beiden Händen über seinen Kopf. Sie wandte
sich ab und stöckelte an einer Gruppe junger Männer vorbei zur
Budenmeile.
Er
stolperte ihr nach, doch eine kräftige Dame mit einer blauen
topfähnlichen Kopfbedeckung und einem Netz vor dem Gesicht stellte sich
ihm in den Weg.
„Welch
ein Zufall, Sie hier Herr Becker?"
„Tut
mir leid." Die füllige Frau kam ihm bekannt vor." Ich habe
keine Zeit, ich …!" Er schaute über die Frau hinweg, um Francesca
nicht aus den Augen zu verlieren.
„Suchen
Sie jemanden?"
„Meine
Frau, aber entschuldigen Sie nun." Er machte einen Schritt zu Seite,
doch sie hielt ihn mit erstaunlicher Kraft am Ärmel fest. "Francesca
ist hier?"
„Sie
kennen meine Frau?" Er blickte in ihr Gesicht. „Ach Sie sind
das."
„Herma
Prigge. Es freut mich, dass Sie ihre Frau wieder gefunden haben."
„Und
wieder verloren, verdammt." Er konnte den rosafarbenen Hut nicht mehr
sehen.
„Gute
Frau, ich muss weiter." Er ließ sie ohne einen weiteren Gruß stehen
und rannte Richtung Ausgang.
Herma
schaute ihm nach. „Wieder verloren", was hatte er denn damit
gemeint?
„Wer
war das denn?" Christel zupfte an Hermas Tasche, um die
Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken.
„Der
Mann von der Frau, die verschwunden ist."
Christels Augen weiteten sich.
„Die
mit dem Kopftuch" erläuterte Herma weiter. „Schade eigentlich,
dass Francesca wieder da ist." Herma schaute zu der vornehmen Dame
hinüber, die ihren Blick über die vielen Zuschauer schweifen ließ. Ihr
Begleiter drängte sich gerade an einer Personengruppe vorbei und stellte
zwei Sektkelche auf dem Stehtisch ab. Die Dame sagte etwas zu ihm, worauf
er mit viel Gestik antwortete.
Wer
das ist, interessiert mich trotzdem noch, dachte Herma bei sich.
„Christel,
wolltest du vorhin nicht einen Kuchen?"
„Ein
Torte wäre mir lieber."
Herma hakte sich bei Christel ein und stiefelte direkt zu einem Stehtisch
neben dem unbekannten Paar. Eine junge Familie mit Kinderwagen hatte sich
bereits breit gemacht. Die Mutter, Herma schätzte sie auf Anfang zwanzig,
nickte nur als Herma fragte, ob sie sich dazu gesellen durften. Sie beugte
sich in den Kinderwagen und schob schnell den Schnuller in den Mund des
ungeduldigen Babys.
„Können
wir nicht ins Zelt gehen, Herma? Ein bisschen Hinsetzen, meine Füße
brennen wie Feuer."
„Nachher.
Such dir am Stand was Leckeres aus und bringe mir einen Kaffee mit."
„Ich
kann nicht alles tragen", maulte Christel.
„Dann
verzichte ich auf den Kaffee. Geh schon."
Während
Christel sich mit säuerlicher Miene in der Warteschlange anstellte drehte
sich Herma so, dass sie das Gespräch ihrer Tischnachbarn mitverfolgen
konnte. Aus den Augenwinkeln heraus sah sie, wie die Frau an dem
Herzanhänger herumspielte.
„Warum
musste es unbedingt dieser Modeschmuck sein?", fragte prompt der
Mann.
„Giovanni
hat mir so ein ähnliches Stück geschenkt und …"
„Entschuldigung,
der Schnuller!" Die Mutter deutete mit leicht geröteten Wangen zu
Hermas Füßen. Herma trat zur Seite, die Frau hob ihn auf, pustete,
steckte ihn kurz sich selbst und dann dem Baby in den Mund.
Ekelhaft,
dachte Herma und schaute wieder an den Nebentisch.
Die
Unbekannte trank ihr Glas leer, öffnete ihre Handtasche und überprüfte
an Hand eines Spiegels den Sitz der Frisur unter der schmalen Hutkrempe.
Eine helle Strähne stopfte sie mit spitzen Fingern unter ihr dunkles
Deckhaar.
Komisch.
Herma musterte die Frau genauer. Wirklich gut gemacht.
„Trink
aus, Vincenzo, ich muss wissen, ob alles geklappt hat." Sie spitzte
ihre rosé bemalten Lippen und steckte dann zufrieden den Spiegel zurück
in ihre Tasche.
„Auf
Claudia ist Verlass."
„Hoffentlich
hast du ihr nicht zuviel erzählt."
„Nur
das, was sie wissen musste. Claudia ist dumm, aber so dumm auch wieder
nicht. Die hält ihren Mund. Schließlich braucht sie die Kohle."
„Gut,
dann wird Becker in die Falle tappen. Graziano ist ungeduldig in solchen
Dingen."
„Becker
wird sich kein zweites Mal überlegen, ob er den Vertrag mit Graziano
einhält."
Die
Frau lächelte und schaute zu Herma hinüber. Ihr Blick gefror im gleichen
Augenblick. Instinktiv zog Herma die Badetasche zu sich heran und wandte
sich zum Kinderwagen.
„So
süß die Kleine", säuselte sie in Richtung der Mutter.
„Es
ist ein Junge!"
„Ach!"
Herma spitzte zur Seite. Die beiden waren verschwunden.
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Folge 35 ..