4. Dezember 2007

 

 

 

 

Home
Nach oben
Mitglieder
Veröffentlichungen
Schreibwerk-"zeug"
Disclaimer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  „Vor zwanzig Jahren hat dein Vater den letzten Bären erschlagen.“ Meta packte ihn am Arm und zog ihn zu sich heran. Leise schniefend sog sie die Luft in die Nase. „Setz dich! Ich mach dir einen Kaffee, damit du wieder nüchtern wirst.“

Hersin stolperte mit zwei Schritten zum Fenster und stützte sich schwer auf den Sims. „Was ist das denn?“ Er zog die Decke beiseite; der angekohlte Leuchter darunter fiel klappernd zu Boden. „Ich brauche ein Gewehr, Meta. Keinen Kaffee!“

„Dann bist du bei mir verkehrt.“ Meta verließ die Stube, um Kaffee zu kochen.

Hersin eilte ihr hinterher. „Dein Mann hat ein Gewehr gehabt. Wo ist es?“

Meta schüttelte ihn ab. „Du triffst doch nicht einmal einen Baumstamm, wenn du direkt davor stehst.“

Hersin ließ sie in die Küche gehen und lief die Stiege hoch ins Schlafzimmer: ein Kleiderschrank, eine Kommode mit drei großen Schubladen. Er kniete sich vor die Kommode und öffnete eine Lade nach der anderen. Unterwäsche, Tischwäsche, Strickwerk. Behutsam hob er die Tischwäsche an und tastete darunter; nichts. Dann die Pullover; auch nichts.

Mit einem Fluch ging er zum Schrank. Hinter einer der Türen hingen Wolframs gute Anzüge. Dort auf dem Schrankboden lag das Gewehr, sorgfältig in weiches Leder gehüllt. Er nahm es heraus und wickelte es aus.

„Was tust du da?“ Meta stand mit der Kaffeekanne in der Tür. „Leg das sofort zurück.“

„Wo sind die Patronen?“

„Leg das Gewehr in den Schrank!“ Sie stellte die Kanne auf die Kommode und packte danach.

Hersin rang einen Moment lang mit ihr um das Gewehr; dann ließ er los und trat einen Schritt zurück. „Meta, bitte. Dort draußen treibt sich wirklich wieder ein Bär herum.“

„Das glaube ich erst,, wenn ich ihn sehe.“ Sie nahm die Kanne wieder auf, behielt aber das Gewehr in der Hand. „Der Kaffee wird kalt; komm!“

An der Treppe stand sie einen Augenblick wie ratlos; wog das Gewehr in ihrer Hand. Dann hängte sie es sich über die Schulter, um sich am Geländer festzuhalten, während sie bedachtsam hinunter stieg. Auf halber Höhe drehte sie sich zu Hersin um, der noch immer am Absatz stand. „Was ist?“

..5.12..

© Annemarie Nikolaus

 

 

 
 

 Copyright © 2005
  Stand: 04.12.2007