„Maledetto!"
Giovanni fluchte hemmungslos. Dass Alfredo nicht alle Papiere abgegeben
hatte, war doch undenkbar. „Sie müssen den Abstammungsnachweis falsch
abgelegt haben."
Das
Mädchen wickelte eine ihrer langen Strähnen um die Finger und blickte
sich suchend um. Ein Mensch in Anzugjacke und Schlips kam zu ihnen.
„Herr
Petersen, der Jockey sagt ..."
„...
dass wir alle Papiere abgegeben haben. Sie müssen da sein." Giovanni
blickte auf die Uhr, die neben dem aufgerollten Plastikfenster hing.
Alfredo hatte eine Quittung bekommen; damit würde er es beweisen. Noch
fünf Minuten. „Ich muss an den Start! Suchen Sie inzwischen."
„Sie
können aber nicht starten!" Der Herr Petersen packte ihn am Arm.
Giovanni
blickte auf Petersens Hand. „Wie schön! So leicht bin ich noch nie zu
einer Siegprämie gekommen."
Petersen
schnappte nach Luft.
Giovanni
grinste. „Denn Sie werden sie aus Ihrer Tasche bezahlen, sobald sich
herausstellt, dass die Papier verloren gegangen sind." Er streifte
Petersens Hand ab. „Ich habe einen guten Anwalt."
„Christina,
wieso fällt das erst zehn Minuten vor dem Start auf?" Petersens
Gesichtsfarbe wechselte von totenblass zu puterrot, als er zu toben
begann. „Hat das niemand vorher kontrolliert?"
Zwei
Männer am Zelteingang drehten sich aufgeschreckt um. Christina rutschte
der Aktendeckel aus der Hand; in dem diffusen Licht des Zeltinneren
schimmerte ihre Haut plötzlich grünlich-krank. Giovanni blickte wieder
auf die Uhr. Zu einem anderen Zeitpunkt hätte er sich jetzt amüsiert.
Ein
Stuhl knallte in einer Ecke zu Boden, als sich dort eine ältere Frau in
einem taubenblauen Seidenkostüm erhob. Mit drei Schritten war sie bei
ihnen. „Das ist der Jockey aus Italien, nicht wahr?"
„Sehr
wohl, Frau Kaulitz." Petersen deutete eine Verneigung an und zog ein
Taschentuch aus der Jacketttasche. „Diese Hitze!" Er wischte sich
die Stirn. „Man kann sich kaum konzentrieren!" Er starrte die
Assistentin an und wedelte dabei so nachdrücklich mit seinem Tuch, dass
Giovanni sicher war, darin steckte eine Botschaft.
„Wenn
Signor Pavarese ..." Christina bückte sich, sammelte die Papiere vom
Boden auf und legte sie ungeordnet in den Aktendeckel zurück.
Frau
Kaulitz folgte Giovannis Blick, der immer noch auf die Uhr starrte. „Wir
haben in einer halben Stunde einen Empfang. Aber mein Mann legt
äußersten Wert darauf, Don Vento laufen zu sehen. Also sorgen Sie
gefälligst dafür, dass das Rennen bald beginnt."
Petersen
zerrte am Krawattenknoten. „Aber die Papiere ..."
Frau
Kaulitz trat noch einen Schritt näher. Sie schien auf den Aktendeckel
zeigen zu wollen, aber dann wischte sie ihn mit einer heftigen Bewegung
von der Theke. Christina streckte ihre Hände aus, doch ihre Reaktion kam
zu spät. Dieses Mal flatterten die Papiere direkt vor Giovanni auf den
Boden.
„Sie
können ihn hinterher immer noch disqualifizieren lassen", sagte Frau
Kaulitz gerade.
„Wir
machen uns unmöglich!" Petersen lief schon wieder rot an.
„Wenn
Sie ihn jetzt nicht starten lassen, auch." Sie nickte Giovanni zu.
„Gehen Sie, Signor Pavarese. Dies ist mein Rennen."
„Ich
widmen Ihnen unseren Sieg." Bis eben hätte Giovanni es für
undenkbar gehalten, dass er einmal einer Frau den Hof machen würde, die
doppelt so alt war wie er. Er schenkte ihr sein verführerischstes
Lächeln und wandte sich zum Zeltausgang.
„Lassen
Sie mich durch", klang von draußen Rolf Beckers Stimme. Im nächsten
Augenblick stand er vor Giovanni. Zuerst blinzelte er überrascht, dann
ging sein Blick durchs Zelt und blieb an Frau Kaulitz hängen. „Sie
dürfen diesen Mann nicht starten lassen! Sein Pferd ..."
„Die
Doping-Kontrolle war negativ", sagte Petersen überraschend lahm.
„Trotzdem!
Etwas ist da faul."
Giovanni
holte aus und schlug zu. Becker taumelte rückwärts gegen eine Zeltstange
und drückte sich den Handrücken gegen den Mund.
..
Folge 43 ..