9. Dezember 2007

 

 

 

 

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Zu Hause angekommen holte sie sofort den großen Koffer unter dem Bett hervor. Er war verstaubt. Wie lange hatte sie ihn schon nicht mehr benutzt. Sie brachte ihn ins Wohnzimmer, legte ihn aufs Sofa und öffnete den Deckel. Anschließend rannte sie zurück. Plötzlich hatte sie es eilig. Akribisch ging sie ihre Garderobe durch. Was sollte sie nur einpacken? Sicher würde es verdammt kalt in den Bergen sein.

Gerade, als sie eine dicke Felljacke aus dem Schrank zog, läutete die Türglocke. Unwillkürlich schaute Sarah zum Wecker auf dem Nachttisch. "Um diese Zeit? Wer mag das sein?" Sie legte die Jacke aufs Bett und ging über den Flur zur Tür. Wahrscheinlich nur der Nachbar, der sich beschweren kam, weil ihr Auto – wieder einmal – die Garagenausfahrt versperrte. Das aber auch nur, weil der Alte von oben zu blöd war, sein Monster von Mercedes vernünftig zu rangieren und mindestens zehn Meter ausholen musste, um auf die Straße zu gelangen. Sollte er sich doch einen Smart kaufen. Wütend riss sie die Tür auf. "Ich fahre mein Auto jetzt ..." Sarah hielt in ihrem Ausbruch inne und prallte erschrocken zurück. "Oh, entschuldigen Sie", stotterte sie, als sie sich wieder gefangen hatte. "Ich erwartete jemand anderes." Sie musterte die Frau, die in einem grauen Regelmantel ihr gegenüberstand. "Wollten Sie zu mir?"

"Wenn Sie Sarah Altenberg sind, dann ja."

"Was kann ich für Sie tun? Wenn Sie von den Zeugen Jehovas sind, ich habe gerade jetzt wenig Zeit." Sarah wusste, dass kurz vor Weihnachten sämtliche Vereine zum Geldsammeln kamen.

"Können wir das innen besprechen?", fragte die Frau höflich, als im Haus eine Wohnungstür klappte und Schritte auf der Flurtreppe zu hören waren.

"Ich sagte bereits, dass ich keine Zeit habe." Sarah wollte die Tür schließen.

"Es ist wichtig. Sie haben gestern Metas Roman gekauft."

"Woher wissen Sie ..." Instinktiv öffnete Sarah die Tür, ließ die Frau eintreten und führte sie ins Wohnzimmer. "Woher wissen Sie, dass ich das Buch gekauft haben?", vervollständigte Sarah ihren Satz.

"Ich habe Sie beobachtet", sagte die Frau ruhig. "Sie legten das Buch wieder weg, zögerten, überlegten und kauften es am Ende. Befand sich darin nicht ein Edelweiß?"

"Ja, aber ..."

"Ich legte es hinein. Ich war mir ganz sicher."

"Worüber sicher?"

"Dass Sie Sarah sind. Die Sarah. Ihr Gesicht hat sich kaum verändert, nur etwas älter ist es geworden, wie wir alle älter geworden sind. Darf ich mich vorstellen", die Frau streckte Sarah eine Hand entgegen. "ich bin Rachel Schwarzbauer, die Autorin des Buches. Ich hatte gestern eine kleine Lesung im Buchladen, da fielen Sie mir auf."

"Mein Gott." Sarah vergaß Rachels Hand zu ergreifen und ließ sich in einen Sessel fallen.

"Ich habe Ihr Foto gesehen. Damals in den Bergen. Aaron zeigte es mir. Er hat Sie sehr geliebt."

"Dann wissen Sie, wo Aaron ist? Was damals passierte?" Sarah beugte sich vor und sah Rachel erwartungsvoll an.

Die Frau, die scheinbar im gleichen Alter wie Sarah war, schüttelte langsam den Kopf. "Nein, nichts genaues. Lesen Sie Metas Geschichte, dann werden Sie mehr verstehen."

"Verstehen." Sarah senkte den Kopf und schaut auf ihre Fingernägel. "Wie soll ich jemals verstehen?"

"Sie wollen verreisen?" Rachel wies auf den geöffneten Koffer.

"Ich will Meta suchen, falls sie noch lebt. Ich will wissen, was damals passiert ist." Sarah stand auf, verschränkte die Arme vor der Brust und blickte Rachel wie ein trotziges Kind an, das jetzt einen Tadel wegen ihrer unvernünftigen Ideen erwartete.

"Meta lebt", sagte Rachel ruhig. "Jedenfalls noch im vorigen Jahr, als ich das Buch über sie beendete."

"Dann müssten Sie das Geheimnis um Aaron wissen."

"Nein. Ich lebte im Nachbarort, beobachtete von dort die alte Frau, recherchierte, fragte die Leute aus. Deshalb konnte ich so viel über sie schreiben. Ich habe nie mit Meta gesprochen. Sie hasst mich, sie hat mich immer gehasst. Von Anfang an. Ich war eine Fremde, die in ihr Reich eingedrungen war, in ihre Familie, eine Feindin, die ihr die Söhne stehlen wollte."

Sarah überraschte Rachels Ausbruch. Welche Rolle spielte diese Frau in dem Gebilde Meta, Aaron und das Unglück? Was hatte sie damit zu tun?

"Ich reise mit Ihnen." Rachel stand abrupt auf. Sie sprach in einem Ton, der einem Befehl glich.

"Warum?" Sarah war überrascht und wagte keinen Einwand.

"Erstens möchte auch ich endlich wissen, was damals passierte und zweitens könnte es sein, dass Sie Hilfe brauchen. Und ich kenne Meta und ihre Familie."

   ..10.12..

© Monique Lhoir

 

 
 

 Copyright © 2005
  Stand: 09.12.2007