24. Dezember 2007

 

 

 

 

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 Sarah überlegte, welchen Weg sie wählen sollte. Dann wandte sie sich nach rechts, Richtung Ortsausgang. Der Schnee knirschte unter ihren Füßen und ihre Atemwolken verflüchtigten sich in der klaren Luft.

Auf einmal hörte sie jemanden rufen. Sie drehte sich nicht um, sondern marschierte einfach weiter.

„Sarah, bitte!" Aaron keuchte vom schnellen Laufen.

Sie blieb stehen und sah ihn an.

„Es tut mir so Leid", begann er. Seine Augen waren vom Weinen gerötet.

„Das braucht es nicht."

„Ich möchte dir einiges erklären."

Sie zögerte. Brauchte sie wirklich noch eine Erklärung?

„Bitte."

„Na schön. Gehen wir ein Stück, ja? Sonst fange ich an zu frieren."

Langsam folgten sie dem Straßenverlauf. Nach wenigen Metern fielen sie in Gleichschritt.

„Es muss sehr enttäuschend für dich gewesen sein, dass ich nicht zu dir zurückgekommen bin."

„Nein", unterbrach Sarah ihn. „Nicht enttäuschend. Zermürbend, weil die Ungewissheit schwer zu ertragen war. Wenn du mir nur ein Wort gesagt hättest. Ich hätte es verstanden." Sie lächelte ihn an. „Nicht sofort vielleicht. Aber später. So schwankte ich zwischen dem Schmerz, dass du auf dem Berg umgekommen warst und den Selbstzweifeln, dich vertrieben zu haben. Ich grübelte und grübelte. Doch ich fand den Grund nicht." Sie sagte es ohne Bitterkeit.

„Oh Gott!" Aaron wandte sich ihr zu, ergriff ihre Hände und sah ihr tief in die Augen. „Ich war so ein Idiot. Gedankenlos und auch ein wenig feige. Du bist viel stärker als ich."

Sarah lachte auf.

„Nein, das sieht nur so aus. Mir ist in den letzten Tagen mehr klar geworden als in den zwanzig Jahren davor. Nun fühle ich mich endlich mit meinem Leben ausgesöhnt. Nur Meta hätte ich gerne noch kennengelernt. "

Aaron ließ sie los und starrte auf seine Füße. „Sie hat mich aufgezogen, nachdem meine Eltern tot waren. Dabei war sie schon damals eine alte Frau. Meta war stark, aber auch unnachgiebig und oft herrisch. Ein Grund, weshalb ich weggegangen bin. Ich wollte meine eigenen Entscheidungen treffen. Doch als sie mich bat zurückzukommen und Agnes beizustehen, konnte ich nicht nein sagen. Obwohl ich dich liebte und dich heiraten wollte. Metas Wille war stärker als meiner. Mit den Jahren ist sie weicher und großzügiger geworden. Doch als sie von deiner Ankunft erfuhr, bekam sie Angst, du würdest alte Wunden aufreißen und mich von hier wegholen. Deshalb ist sie wohl alleine losgelaufen." Er lächelte traurig. „So ganz konnte sie die Fäden doch nicht aus der Hand geben. Dabei hätte sie wissen müssen, dass ich weder sie noch Agnes je im Stich lassen würde."

„Manche Ängste man nie ab, Aaron. Ich fahre so bald wie möglich nach Hause."

„Du könntest doch bleiben."

Sarah schüttelte den Kopf. „Nein, das geht nicht. Ich gehöre nicht hier her. Agnes ist krank. Sie braucht dich. Und dein Sohn ebenfalls."

Sie gingen zurück zum Haus. Agnes und Rachels Blicke wanderten fragend zwischen ihnen hin und her.

„Ich möchte nach Hause. Kann Thoren mich zum Flugplatz bringen?", fragte Sarah.

Rachel nickte. „Ich sage ihm gleich Bescheid."

Am Nachmittag fuhr Thoren mit dem Schlitten vor. Sarah verabschiedete sich von Agnes und Rachel. Aaron brachte sie nach draußen. Einen Moment standen sie so dicht voreinander, dass ihre Atemwolken sich vermischten und gemeinsam in den Himmel stiegen.

Sie lächelten sich nur an. Alles war gesagt.

Sarah stieg in die Kutsche. Sie blickte nicht zurück. Wehmütig sah Aaron ihr nach, bis die Kutsche zwischen den Bäumen verschwand.

Auf einmal spürte er eine Hand auf seiner Schulter.

„Ich habe ihre Adresse", sagte Rachel. Gemeinsam gingen sie zurück ins Haus.

ENDE

© Marion Pletzer

 

 
 

 Copyright © 2005
  Stand: 24.12.2007